Teil 5 der Serie: Wann bioenergetische Interventionen wirken – und wann nicht
Was intermittierende hypoxische Reize physiologisch bewirken – und warum Dosis, Ausgangslage und Erholung über die biologische Antwort mitentscheiden
Kaum eine bioenergetische Intervention hat in den vergangenen Jahren so viel Aufmerksamkeit bekommen wie das Intervall-Hypoxie-Training beziehungsweise das Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Training – kurz IHT und IHHT.
Die Verfahren finden sich inzwischen im Leistungssport, in der Prävention, im Longevity-Bereich und zunehmend auch im therapeutischen Kontext. Dabei werden IHT und IHHT im Alltag häufig fast synonym verwendet, obwohl sie nicht identisch sind. Bei der klassischen IHT wechseln hypoxische Phasen üblicherweise mit normoxischen Erholungsphasen. Beim IHHT erfolgt die Reoxygenierung dagegen mit einer erhöhten inspiratorischen Sauerstoffkonzentration.
Diese Unterscheidung ist wissenschaftlich wichtig. Denn Forschung zu intermittierender Hypoxie kann grundlegende Mechanismen erklären, ist aber nicht automatisch Forschung zu jedem konkreten IHHT-Protokoll.
Das Grundprinzip, das beide Ansätze miteinander verbindet, ist dennoch faszinierend: Wir führen dem Körper keinen Wirkstoff zu, dessen pharmakologische Wirkung anschließend mehr oder weniger direkt eintritt. Wir verändern für eine begrenzte Zeit eine der fundamentalsten Bedingungen menschlichen Lebens – die Sauerstoffverfügbarkeit – und überlassen dem Organismus die Antwort.
Damit ist Hypoxietraining im Kern keine passive Versorgung.
Es ist eine kontrollierte physiologische Herausforderung.
Und genau darin liegen sowohl sein Potenzial als auch die Notwendigkeit einer sehr differenzierten Anwendung.
Warum weniger Sauerstoff für den Körper eine Information ist
Sauerstoff ist für unseren Organismus keine Nebensache. Die oxidative Phosphorylierung in den Mitochondrien ist für die aerobe ATP-Bereitstellung auf Sauerstoff angewiesen. Gleichzeitig besitzt der Körper hochentwickelte Systeme, mit denen Veränderungen der Sauerstoffverfügbarkeit erfasst und beantwortet werden.
Sinkt die Sauerstoffverfügbarkeit, verändert sich deshalb nicht einfach nur eine Zahl auf dem Pulsoximeter.
Der Organismus registriert eine veränderte Umweltbedingung.
Periphere Chemorezeptoren – insbesondere die Karotiskörperchen – reagieren auf Veränderungen des arteriellen Sauerstoffpartialdrucks und beeinflussen unter anderem Ventilation sowie kardiovaskuläre Reaktionen. Gleichzeitig existieren auf zellulärer Ebene sauerstoffabhängige Signalwege, deren bekannteste Vertreter die Hypoxia-Inducible Factors, kurz HIF, sind.
HIF kann man sich vereinfacht wie einen biologischen Wetterdienst vorstellen.
Solange die Sauerstofflage stabil ist, läuft eine bestimmte Art von Stoffwechsel- und Regulationsprogramm. Verändert sich diese Sauerstofflage, verändert sich gewissermaßen der molekulare Wetterbericht. Zellen beginnen, bestimmte Programme an die neue Situation anzupassen.
Dazu gehören unter anderem Prozesse, die mit Erythropoese, Gefäßregulation, Glukosestoffwechsel und weiteren Mechanismen der Hypoxieadaptation verbunden sind.
Dass intermittierende Hypoxie solche HIF-abhängigen Signalwege auch beim Menschen beeinflussen kann, wurde experimentell gezeigt. Gleichzeitig sind diese Befunde stark vom untersuchten Protokoll und von der jeweiligen Population abhängig. Sie belegen einen biologischen Mechanismus – nicht die pauschale Wirksamkeit jedes Hypoxietrainings für jede Indikation.
Und genau diese Einschränkung führt uns zum vielleicht wichtigsten Punkt dieses Beitrags.
Hypoxie ist kein Wirkstoff – sie stellt dem Organismus eine Aufgabe
Wir sagen häufig, IHHT „wirkt“.
Diese Formulierung ist alltagstauglich, vermittelt biologisch aber schnell ein falsches Bild. Sie klingt so, als würde die Methode dem Organismus eine fertige Wirkung zuführen.
Tatsächlich geschieht etwas Interessanteres:
Die Hypoxie stellt eine Aufgabe. Der Organismus erzeugt die Antwort.
Man kann sich das wie einen guten Lehrer vorstellen.
Ein Lehrer macht einen Schüler nicht dadurch klüger, dass er ihm die schwierigste Aufgabe gibt, die er finden kann. Entscheidend ist, dass die Aufgabe ein kleines Stück über dem liegt, was der Schüler bereits sicher beherrscht.
Ist die Aufgabe viel zu leicht, muss er nichts Neues lernen.
Ist sie anspruchsvoll, aber lösbar, beginnt das Gehirn, neue Strategien zu entwickeln.
Ist sie weit jenseits dessen, was der Schüler momentan bewältigen kann, entsteht nicht automatisch noch mehr Lernen. Irgendwann entsteht Überforderung.
Und genau diese einfache Logik führt uns zum hormetischen Prinzip.
Hormesis: Wenn dieselbe Herausforderung trainieren oder belasten kann
Die Forschung zu intermittierender Hypoxie macht seit Jahren deutlich, dass man von „der Hypoxie“ eigentlich kaum sprechen kann.
Navarrete-Opazo und Mitchell haben diesen Zusammenhang in ihrer häufig zitierten Übersichtsarbeit sehr treffend als „a matter of dose“ beschrieben. Je nach Sauerstoffkonzentration, Schweregrad der Hypoxie, Dauer, Anzahl der Episoden und Wiederholungsfrequenz können intermittierende Hypoxiereize sehr unterschiedliche physiologische Folgen haben. Moderate Expositionen mit relativ wenigen Episoden unterscheiden sich biologisch grundlegend von schwerer, hochfrequenter intermittierender Hypoxie.
Damit bekommt das Wort Dosis eine völlig neue Bedeutung.
Wie niedrig ist die inspiratorische Sauerstoffkonzentration?
Wie lange dauert die einzelne Hypoxiephase?
Wie viele Zyklen werden durchgeführt?
Wie stark sinkt die Sauerstoffsättigung dieses konkreten Menschen tatsächlich?
Wie erfolgt die Reoxygenierung?
Wie häufig wird die gesamte Intervention wiederholt?
Und in welchem physiologischen Zustand beginnt dieser Mensch das Training?
All diese Faktoren verändern die biologische Botschaft.
Vielleicht hilft ein Bild:
Regen ist Regen.
Ein sanfter Sommerregen kann einen trockenen Boden versorgen und Pflanzen wachsen lassen.
Fällt dieselbe Wassermenge innerhalb kürzester Zeit auf einen bereits vollgesogenen Boden, kann sie ihn überschwemmen.
Das Wasser ist dasselbe.
Was sich verändert hat, sind Dosis, Geschwindigkeit und Ausgangslage des Systems.
Genau so sollten wir auch über Hypoxie denken.
Warum Schlafapnoe und therapeutische Hypoxie nicht dasselbe sind
Gerade hier ist wissenschaftliche Präzision wichtig.
Pathologische intermittierende Hypoxie, wie sie beispielsweise bei obstruktiver Schlafapnoe vorkommen kann, ist nicht mit einem kontrollierten therapeutischen Hypoxieprotokoll gleichzusetzen. Die wiederholten Hypoxie-Reoxygenierungszyklen einer Schlafapnoe können mit sympathischer Aktivierung, oxidativem Stress und kardiovaskulären Belastungen verbunden sein.
Gerade diese Forschung macht deutlich, warum zwei scheinbar gegensätzliche Aussagen gleichermaßen falsch wären:
„Hypoxie ist gesund.“
Oder:
„Hypoxie ist schädlich.“
Beides reduziert ein komplexes biologisches Phänomen auf ein Etikett.
Die relevante Frage lautet vielmehr:
Welche Hypoxie? In welcher Dosis? In welchem zeitlichen Muster? Und bei welchem Menschen?
Die Übersicht von Navarrete-Opazo und Mitchell macht diese Dosisabhängigkeit besonders deutlich und grenzt niedrig dosierte intermittierende Hypoxie explizit von pathologischen Expositionsmustern ab.
Und was passiert mit den Mitochondrien?
Gerade im Longevity- und Biohacking-Bereich wird IHHT häufig unmittelbar mit einer „Verbesserung der Mitochondrien“ verbunden.
Diese Aussage ist attraktiv.
Wissenschaftlich ist sie mir zu grob.
Intermittierende Hypoxie kann metabolische und mitochondrienbezogene Anpassungsprozesse beeinflussen. Welche Veränderungen tatsächlich entstehen, hängt jedoch wesentlich vom Protokoll, vom Trainingsstatus, von der Art der Exposition und von der untersuchten Population ab.
Damit müssen wir auch sprachlich genauer werden.
Mitochondriale Biogenese, respiratorische Kapazität, Substratnutzung, Redoxsignalgebung und die Fähigkeit eines Gewebes, ATP bedarfsgerecht bereitzustellen, sind nicht dasselbe.
Wenn eine Studie Veränderungen eines dieser Parameter findet, bedeutet das nicht automatisch:
„Die Mitochondrien funktionieren jetzt besser.“
Genau hier zeigt Wissenschaft ihre Stärke: Sie zwingt uns, genauer hinzuschauen.
Deshalb würde ich nicht pauschal sagen:
„IHHT verbessert die Mitochondrien.“
Präziser ist:
Intermittierende Hypoxie kann unter bestimmten Bedingungen mitochondriale und metabolische Anpassungsprozesse beeinflussen. Art und Ausmaß der Antwort hängen jedoch von Protokoll, Trainingskontext und insbesondere von individueller Ausgangslage ab.
Und diese Formulierung passt wesentlich besser zu dem, was wir in dieser Serie verstehen wollen.
Nicht die Methode besitzt eine starre Wirkung.
Biologie antwortet auf Bedingungen.
Das Gerät kennt das Protokoll – aber der Körper bestimmt die relative Dosis
Damit kommen wir zu einem der entscheidendsten Punkte für die Praxis.
Zwei Menschen können am selben Gerät sitzen.
Sie können dieselbe inspiratorische Sauerstoffkonzentration erhalten.
Dasselbe Programm kann dieselbe Dauer besitzen.
Und trotzdem bekommen ihre Organismen biologisch nicht denselben Reiz.
Denn eine Geräteeinstellung beschreibt zunächst die äußere Exposition.
Sie beschreibt noch nicht vollständig die physiologische Belastung.
Bei einem Menschen sinkt die Sauerstoffsättigung vielleicht langsam. Herzfrequenz und Atmung bleiben relativ ruhig, und nach Ende der Hypoxie erfolgt eine schnelle Erholung.
Bei einem anderen Menschen führt dieselbe inspiratorische Sauerstoffkonzentration zu einer deutlich schnelleren Entsättigung und einer ausgeprägteren respiratorischen oder kardiovaskulären Reaktion.
Auf dem Gerät steht dasselbe Protokoll.
Im Körper findet nicht dasselbe Training statt.
Man kann sich das mit dem Bild eines Rucksacks vorstellen, den zwei Menschen unterschiedlicher Konstitution zu tragen haben.
Zwei Menschen bekommen jeweils einen Rucksack mit zehn Kilogramm Gewicht.
Für einen trainierten erwachsenen Wanderer können diese zehn Kilogramm eine überschaubare Zusatzbelastung sein.
Für ein zwölfjähriges Kind wären dieselben zehn Kilogramm enorm schwer.
Zehn Kilogramm bleiben zehn Kilogramm.
Aber die relative Belastung ist vollkommen unterschiedlich.
Genau deshalb ist Individualisierung bei IHT und IHHT keine luxuriöse Zusatzoption.
Sie gehört zur biologischen Logik des Verfahrens.
Akute Hypoxie ist eine reale physiologische Herausforderung
Hypoxie wird vom Organismus nicht ignoriert.
Akute Sauerstoffreduktion aktiviert Chemoreflexe und führt zu respiratorischen und kardiovaskulären Kompensationsreaktionen. Der Körper versucht, trotz veränderter Sauerstoffverfügbarkeit seine innere Homöostase aufrechtzuerhalten.
Diese Reaktionen sind zunächst physiologisch.
Sie bedeuten aber gleichzeitig, dass der Organismus Arbeit leisten muss.
Deshalb würde ich nicht einfach sagen, Hypoxie „kostet Regulation“. Medizinisch präziser ist:
Akute Hypoxie stellt eine messbare physiologische Herausforderung dar, auf die respiratorische, kardiovaskuläre und autonome Regulationssysteme reagieren.
Wie groß diese Herausforderung relativ zu einem bestimmten Menschen ist, hängt wiederum von seiner Ausgangslage ab.
Stellen wir uns dafür eine Stadt mit einem gut funktionierenden Stromnetz vor.
An einem heißen Sommertag schalten plötzlich tausende Haushalte ihre Klimaanlagen ein. Das Netz registriert die zusätzliche Last und gleicht sie aus. Es wird gefordert, besitzt aber Reserve.
Nun stellen wir uns dieselbe Stadt vor, nachdem bereits mehrere Umspannwerke ausgefallen sind.
Die exakt gleiche zusätzliche Nachfrage trifft nun auf ein anderes System.
Die Klimaanlage ist nicht plötzlich gefährlich geworden.
Aber die verfügbare Reserve des Netzes hat sich verändert.
Diese Analogie ist wichtig, darf aber nicht mit einer diagnostischen Regel verwechselt werden. Aus Fatigue, einer niedrigen HRV oder subjektiver Erschöpfung lässt sich nicht automatisch ableiten, dass IHHT ungeeignet wäre.
Was sich daraus ableiten lässt, ist etwas anderes:
Ausgangszustand, klinischer Kontext und individuelle Reaktion müssen Teil der Dosierungsentscheidung sein.
Warum eine starke Reaktion noch keine gute Anpassung beweist
Gerade bei IHHT besteht eine verständliche Versuchung:
Wir sehen etwas. Die Sauerstoffsättigung sinkt deutlich. Die Herzfrequenz verändert sich. Der Patient spürt den Reiz. Und all das vermittelt das Gefühl: Jetzt passiert etwas.
Das stimmt sogar.
Nur wissen wir damit noch nicht, was daraus anschließend entsteht. Eine starke akute Reaktion ist zunächst ein Zeichen dafür, dass der Reiz physiologisch relevant war. Sie ist noch kein Beweis für eine optimale adaptive Dosis.
Beim Krafttraining ist diese Unterscheidung unmittelbar verständlich.
Wenn ich jemanden so trainiere, dass er anschließend drei Tage lang kaum eine Treppe hinuntergehen kann, habe ich zweifellos einen Trainingsreiz gesetzt. Aber niemand würde allein aus dem Muskelkater schließen, dass dies automatisch die intelligenteste Trainingsdosis war.
Dasselbe Prinzip gilt für Hypoxie. Das Ziel einer guten IHHT-Anwendung sollte deshalb nicht die spektakulärste Entsättigung sein. Nicht die maximal tolerierbare Belastung. Und auch nicht das stärkste subjektive Erleben. Das Ziel ist eine angemessene adaptive Herausforderung, von der sich der Organismus anschließend wieder erholen kann.
Und genau deshalb beginnt ein Teil der wirklich interessanten Beobachtung erst dann, wenn die Maske bereits wieder abgenommen wurde.
Vielleicht liegt eine der wichtigsten Informationen nach der Trainingseinheit
Während einer IHHT-Sitzung beobachten wir selbstverständlich Parameter wie Sauerstoffsättigung und Herzfrequenz. Je nach Gerät und Setting kommen weitere physiologische Informationen hinzu.
Doch wenn wir verstehen wollen, ob der Reiz für diesen Menschen passend war, sollten wir unsere Beobachtung nicht mit dem Ende der Sitzung beenden.
Wie fühlt sich der Mensch danach? Wie entwickelt sich seine Energie im Tagesverlauf? Wie schläft er in der folgenden Nacht? Ist die alltägliche Belastbarkeit am nächsten Tag erhalten? Kehrt er zuverlässig in seinen individuellen Ausgangszustand zurück? Oder erzeugt eine kurze Intervention Nachwirkungen, die ihn noch lange beschäftigen?
Daraus lässt sich keine einzelne validierte IHHT-Kennzahl ableiten. Es ist vielmehr eine klinische Konsequenz aus der allgemeinen Trainings- und Adaptationslogik: Reaktion und Erholung gehören zusammen.
Man kann sich eine IHHT-Sitzung wie einen Stein vorstellen, den wir in einen See werfen.
Natürlich beobachten wir zunächst die Welle.
Aber wenn wir verstehen wollen, wie stabil dieser See ist, müssen wir ebenso darauf achten, ob und wie schnell das Wasser danach wieder ruhig wird.
Warum Long und Post COVID diese Unterschiede besonders sichtbar machen
Gerade Long beziehungsweise Post COVID zeigt, warum eine Diagnose allein noch keine ausreichende Grundlage für die Dosierung eines adaptiven Reizes ist.
Unter dem Begriff Long COVID werden sehr unterschiedliche klinische Erscheinungsbilder zusammengefasst. Fatigue, Belastungsintoleranz, Dyspnoe, kognitive Beschwerden und autonome Symptome können dazugehören. Bei Teilgruppen wurden zudem Veränderungen der kardialen autonomen Regulation beschrieben. Beispielsweise fand die Studie von Marques und Kollegen Hinweise auf reduzierte autonome Modulation und einen stärkeren sympathischen Einfluss bei Long-COVID-Patient:innen.
Doch auch hier müssen wir aufpassen, nicht aus Gruppenbefunden eine neue Schablone zu bauen.
Es gibt nicht das eine autonome Muster von Long COVID.
Und damit gibt es auch keinen einzelnen HRV-Wert, anhand dessen wir zuverlässig entscheiden könnten, ob ein Mensch IHHT erhalten sollte oder nicht.
Hinzu kommt bei einem Teil der Betroffenen die sogenannte post-exertionelle Symptomverschlechterung, häufig als PEM oder PESE bezeichnet.
Dabei können körperliche, kognitive oder andere Belastungen zu einer verzögerten und länger anhaltenden Verschlechterung der Symptomatik führen. Studien zeigen, dass dieses Phänomen bei einem relevanten Anteil von Menschen mit Long COVID vorkommt, wobei Häufigkeit und Ausprägung je nach Population und Messmethode stark variieren.
Für adaptive Interventionen ist diese Unterscheidung entscheidend.
Ein Mensch, der nach einer Infektion vor allem an Kondition verloren hat, Belastung aber grundsätzlich toleriert und sich davon regelgerecht erholt, befindet sich nicht zwangsläufig in derselben physiologischen Situation wie ein Mensch, bei dem bereits geringe Belastungen eine verzögerte, ausgeprägte Symptomverschlechterung auslösen.
Beide können sagen:
„Seit COVID bin ich erschöpft.“
Aber dieser eine Satz beschreibt noch lange nicht denselben biologischen Zustand.
Gerade bei ausgeprägter PEM beziehungsweise einem ME/CFS-ähnlichen Krankheitsbild wäre deshalb besondere Zurückhaltung mit jeder zusätzlichen belastungsinduzierenden Intervention angezeigt. Positive Daten aus anderen Long-COVID-Gruppen dürfen nicht automatisch auf schwer betroffene Menschen mit ausgeprägter post-exertioneller Symptomverschlechterung übertragen werden.
Heißt das nun, IHHT sei bei Long COVID problematisch?
Nein. Und genau hier wird die Differenzierung besonders wichtig. Denn inzwischen gibt es auch klinische Daten, die zeigen, dass IHHT in einem bestimmten Long-COVID-Setting gut verträglich sein und mit Verbesserungen verbunden sein kann.
Doehner und Kollegen untersuchten in einer kontrollierten klinischen Pilotstudie 145 Menschen mit Long COVID im Rahmen einer stationären multidisziplinären Rehabilitation. Die Gruppe, die zusätzlich IHHT erhielt, zeigte stärkere Verbesserungen unter anderem der funktionellen Kapazität und verschiedener patientenberichteter Endpunkte. Im untersuchten Setting wurde IHHT als gut verträglich beschrieben.
Das ist ein ausgesprochen interessantes Signal.
Aber wissenschaftlich genauso wichtig ist die Frage:
Was beweist diese Studie nicht?
Sie beweist nicht, dass jeder Mensch mit Long COVID von IHHT profitiert.
Sie beweist nicht, dass jedes IHHT-Protokoll geeignet ist.
Und sie beweist nicht, dass diese Ergebnisse automatisch auf schwer betroffene, nicht rehabilitationsfähige Patient:innen oder Menschen mit ausgeprägter PEM beziehungsweise ME/CFS-ähnlichen Verläufen übertragen werden können.
Es handelte sich um eine kontrollierte Pilotstudie innerhalb eines stationären multimodalen Rehabilitationsprogramms – nicht um den Nachweis einer universellen IHHT-Therapie für Long COVID.
Und genau darin liegt für mich die interessante wissenschaftliche Botschaft.
Wir müssen uns weder für eine der beiden plakativen Positionen entscheiden:
„IHHT hilft bei Long COVID.“
noch:
„IHHT ist bei Long COVID zu belastend.“
Beide Aussagen sind in dieser Allgemeinheit zu grob.
Die bessere Frage lautet:
Welcher Mensch mit welchem Long-COVID-Phänotyp könnte in welchem Stadium von welcher Form und Dosis intermittierender Hypoxie profitieren – und anhand welcher Reaktionen erkennen wir, dass diese Dosis tatsächlich passt?
Das ist komplizierter.
Aber genau diese Komplexität ist Biologie.
Was das für die praktische Anwendung von IHHT bedeutet
Wenn wir Hypoxie als adaptiven Reiz verstehen, verändert sich unsere Perspektive auf das Verfahren.
Dann ist das Gerät nicht mehr der Mittelpunkt.
Und auch das Standardprotokoll ist nicht der Mittelpunkt.
Der Mittelpunkt ist die Antwort des Organismus auf das Protokoll.
Damit verändert sich auch die Frage, die wir vor und während einer IHHT-Anwendung stellen.
Nicht:
Wie tief können wir mit der Sauerstoffsättigung gehen?
Nicht:
Wie viel Hypoxie verträgt der Patient?
Sondern:
Welche Dosis stellt für genau diesen Menschen eine ausreichend starke Herausforderung dar, um Adaptation anzustoßen, ohne eine unverhältnismäßige Belastung zu erzeugen?
Der Unterschied zwischen diesen Fragen wirkt sprachlich klein.
Physiologisch ist er enorm.
Denn die erste Frage sucht nach einer Grenze.
Die zweite sucht nach einem individuellen Trainingsfenster.
Und genau dort beginnt sinnvolle Anwendungskompetenz.
IHHT bei CFS und Long/Post COVID vertiefen
Gerade bei CFS beziehungsweise ME/CFS sowie Long und Post COVID braucht der Einsatz adaptiver Reize besondere Differenzierung. Diagnose, Fatigue und reduzierte Leistungsfähigkeit allein beantworten noch nicht die Frage, wie eine hypoxische Intervention einzuschätzen oder zu dosieren ist.
Wer sich speziell mit diesem Themenbereich beschäftigen möchte, findet dazu in der Human Change Academy einen eigenen Onlinekurs von Dr. med. Egor Egorov:
IHHT bei CFS & Long COVID – Onlinekurs von Dr. med. Egor Egorov
Der Kurs vertieft die Besonderheiten dieser komplexen Patientengruppe und ordnet den Einsatz von IHHT im therapeutischen Kontext ein.
Für die Umsetzung in der Praxis
Ich begleite aktuell wieder Praxen, Kliniken sowie Einzelpersonen im 1:1 oder in kleinen Gruppen dabei, Regulationszustände differenziert einzuschätzen und bioenergetische Interventionen darauf aufzubauen.
Dabei geht es gerade nicht darum, möglichst viele oder möglichst intensive Methoden einzusetzen. Es geht darum, zu verstehen, welcher Reiz für welches System zu welchem Zeitpunkt sinnvoll sein kann – und ob ein Organismus gegebenenfalls zunächst auf diesen Reiz vorbereitet werden sollte.
Kontakt: marion@massafra-schneider.de
Im nächsten Teil: Long COVID, Fatigue und intermittierende Hypoxie
Long COVID eignet sich wie kaum ein anderes Beispiel dafür, zu zeigen, warum wir Diagnosen nicht mit Regulationszuständen verwechseln dürfen.
Warum können manche Menschen nach COVID dosierte Belastung gut verarbeiten, während andere auf bereits geringe Anforderungen mit einer verzögerten Symptomverschlechterung reagieren? Welche Rolle spielen autonome Dysfunktion, Belastungsintoleranz und PEM beziehungsweise PESE? Und was wissen wir inzwischen tatsächlich über den Einsatz von IHHT in dieser Patientengruppe?
Genau das schauen wir uns im nächsten Teil noch sehr viel genauer an.
Und anschließend gehen wir den nächsten Schritt: Wie setzt man IHT beziehungsweise IHHT in der Praxis wirklich individuell ein? Wie beginnt man, welche Reaktionen beobachtet man, wann wird gesteigert – und wann ist weniger biologisch tatsächlich mehr?
Marion Massafra-Schneider
Quellen und weiterführende Literatur
1. Navarrete-Opazo A, Mitchell GS. Therapeutic potential of intermittent hypoxia: a matter of dose. American Journal of Physiology-Regulatory, Integrative and Comparative Physiology. 2014;307:R1181–R1197. Die grundlegende Übersichtsarbeit arbeitet heraus, wie stark die Wirkungen intermittierender Hypoxie von Schweregrad, Zahl und Muster der Hypoxieepisoden abhängen.
2. Doehner W, Fischer A, Alimi B, et al. Intermittent Hypoxic-Hyperoxic Training During Inpatient Rehabilitation Improves Exercise Capacity and Functional Outcome in Patients With Long Covid: Results of a Controlled Clinical Pilot Trial. Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle. 2024;15(6):2781–2791. Kontrollierte klinische Pilotstudie zu IHHT als Ergänzung einer stationären multidisziplinären Rehabilitation bei Long COVID.
3. Marques KC et al. Reduction of Cardiac Autonomic Modulation and Increased Sympathetic Activity in Long COVID. 2022. Die Arbeit beschreibt Veränderungen der kardialen autonomen Modulation bei einem untersuchten Long-COVID-Kollektiv.
4. Twomey R et al. Chronic Fatigue and Postexertional Malaise in People Living With Long COVID. Physical Therapy. 2022. In der untersuchten Kohorte waren chronische Fatigue und post-exertionelle Symptomverschlechterung häufig; die Ergebnisse unterstreichen die klinische Heterogenität von Long COVID.
5. Stussman B et al. Post-exertional malaise in Long COVID. 2025. Die Studie zeigt zugleich, warum PEM differenziert beurteilt werden muss: Selbstberichtete PEM war häufig, objektiv nach einem Belastungsreiz beobachtbare PEM dagegen in dieser kleinen Kohorte weniger häufig.
6. Zhang Q et al. Intermittent Hypoxia Conditioning: A Potential Multi-Organ Protective Therapeutic Strategy. 2023. Überblick über mögliche adaptive Wirkungen kontrollierter intermittierender Hypoxie und die zentrale Bedeutung der Dosis.
Wissenschaftlicher Hinweis: Die Evidenz zu intermittierender Hypoxie und insbesondere zu therapeutischer IHHT ist heterogen und stark protokoll-, populations- und indikationsabhängig. Ergebnisse aus Sportphysiologie, gesunden Populationen, experimenteller Hypoxieforschung oder einzelnen klinischen Gruppen lassen sich nicht automatisch auf andere Patientengruppen übertragen. Gerade deshalb sollte die individuelle physiologische Reaktion nicht erst als Ergebnis einer Intervention betrachtet werden – sie ist Teil ihrer Dosierung.


