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Das größte Missverständnis in der Therapie – warum „mehr Reiz“ nicht zu mehr Wirkung führt

Teil 2 der Serie:

Wann bioenergetische Interventionen wie bspw. IHHT wirken – und wann nicht.

Warum Regulation über Wirkung entscheidet

Im ersten Beitrag dieser Serie ging es um eine Beobachtung, die sich in der praktischen Anwendung bioenergetischer Interventionen immer wieder zeigt:

Dass Methoden, deren Wirkmechanismen grundsätzlich nachvollziehbar sind, in der Praxis nicht automatisch zu einer entsprechenden Verbesserung führen. Nicht, weil sie falsch angewendet werden.
Sondern weil sie auf ein System treffen, das nicht in der Lage ist, daraus eine stabile Anpassung zu entwickeln.

Aus dieser Erfahrung heraus entstehen häufig zwei Reaktionen, die auf den ersten Blick nachvollziehbar sind:

Die Methode wird infrage gestellt.
Oder der Reiz wird erhöht.

Beides ist verständlich.
Beides greift zu kurz.

Denn insbesondere die zweite Reaktion folgt einer Logik, die in vielen anderen Bereichen gut funktioniert –
im Kontext biologischer Regulationsprozesse jedoch häufig genau in die falsche Richtung führt.

Wenn ein Trainingsreiz zu gering ist, bleibt Anpassung aus. Wenn ein Lernimpuls zu schwach ist, entsteht kein Fortschritt. Überträgt man dieses Prinzip jedoch direkt auf bioenergetische Interventionen, entsteht ein Denkfehler.

Man könnte auch sagen:

Wenn ein System nicht versteht, was du ihm „sagst“,
bringt es nichts, lauter zu sprechen.

Die implizite Annahme: Wirkung ist eine Frage der Intensität

Hinter dem „Mehr hilft mehr“-Prinzip steht eine unausgesprochene Annahme, nämlich, dass die Stärke eines Reizes direkt darüber entscheidet, wie stark die daraus resultierende Anpassung ist. Dieses Modell ist in linearen Systemen sinnvoll. Dort, wo Input und Output in einem klaren Verhältnis stehen, lässt sich Wirkung über Intensität steuern.

Der menschliche Organismus folgt jedoch keiner linearen Logik. Er reagiert nicht proportional, sondern kontextabhängig.
Und dieser Kontext wird maßgeblich durch den aktuellen Regulationszustand bestimmt.

Das hormetische Prinzip – und seine Grenzen in der Praxis

In der Physiologie ist dieser Zusammenhang seit Langem bekannt und gut beschrieben. Man spricht hier vom hormetischen Prinzip.

Ein Reiz wirkt dann adaptiv,
wenn er stark genug ist, um eine Antwort auszulösen –
aber gleichzeitig innerhalb eines Bereichs bleibt, den das System noch sinnvoll verarbeiten kann.

Man kann sich das wie einen schmalen Korridor vorstellen:

Zu wenig Reiz → keine Anpassung
Zu viel Reiz → ebenfalls keine funktionale Anpassung

Nur in der Mitte entsteht Entwicklung.

Entscheidend ist jedoch: Dieser Bereich ist nicht statisch. Er verschiebt sich – abhängig davon,
wie stabil oder dysreguliert ein System zu einem bestimmten Zeitpunkt ist.

Reizverarbeitung als begrenzte Ressource

Um zu verstehen, warum Intensität allein kein verlässlicher Hebel ist, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Art und Weise, wie biologische Systeme Reize verarbeiten.

Jeder Reiz – ob hypoxisch, chemisch oder physikalisch –
muss zunächst registriert, eingeordnet und verarbeitet werden.

Dieser Prozess ist nicht unbegrenzt skalierbar. Er hängt unter anderem davon ab,

  • wie stabil das autonome Nervensystem arbeitet,
  • wie effizient energetische Prozesse auf zellulärer Ebene ablaufen,
  • und wie flexibel der Organismus zwischen Aktivierung und Regulation wechseln kann.

Man könnte es auch so formulieren: Die Fähigkeit zur Anpassung ist an die Fähigkeit zur Verarbeitung gebunden. Und diese Fähigkeit ist nicht in jedem Zustand gleich ausgeprägt.

Ein einfaches Bild macht das greifbarer: Man kann sich das System wie ein Glas vorstellen. Solange es nicht vollständig gefüllt ist, kann es weitere Inhalte aufnehmen. Ist es jedoch bereits bis zum Rand gefüllt,
führt jeder zusätzliche Tropfen nicht zu „mehr“, sondern zum Überlaufen.

Und genau dieses Überlaufen ist das, was in der Praxis oft als ausbleibende oder sogar negative Wirkung erlebt wird.

Wie Systeme an diesen Punkt gelangen

Entscheidend ist dabei:
Ein System ist selten „plötzlich voll“.

In den meisten Fällen geschieht dieser Prozess schleichend.

Über Wochen, Monate – zumeist über Jahre.

Ein vegetativ zunächst gut reguliertes System kann unter anhaltender Belastung Schritt für Schritt an Stabilität verlieren, ohne dass dies unmittelbar als Dysregulation erkannt wird.

Typische Beispiele sind unspektakulär – und genau deshalb so relevant:

  • anhaltender beruflicher Druck ohne echte Regenerationsphasen
  • Schlaf, der über lange Zeit nicht wirklich erholsam ist
  • permanentes „Funktionieren“ im Alltag, ohne echte Entlastung
  • hohe kognitive Beanspruchung bei gleichzeitig fehlender körperlicher Regulation
  • emotionale Daueranspannung, die nicht bewusst verarbeitet wird oder wurde

Das System kompensiert.

Und genau das ist der Punkt, an dem es trügerisch wird.

Denn nach außen funktioniert vieles weiterhin.
Leistung ist möglich.
Alltag ist machbar.

Aber die innere Regulationsreserve nimmt kontinuierlich ab.

Das Glas füllt sich – oft unbemerkt.

In manchen Fällen kommt es zusätzlich zu abrupten Ereignissen, die diesen Prozess massiv beschleunigen können.

Akute Belastungen, starke emotionale Erlebnisse, wie bspw. der Verlust eines geiebten Menschen oder Tieres oder auch Traumata können ein System innerhalb kurzer Zeit in eine ausgeprägte Dysregulation führen.

Doch in vielen der Fälle, die wir aktuell im Kontext von Long- oder Post-Covid beobachten, zeigt sich ein anderes Bild. Hier war das System häufig bereits über einen längeren Zeitraum belastet.

Die Infektion wirkt dann nicht als alleinige Ursache,
sondern eher als ein weiterer Reiz in einem bereits gefüllten System.

Man könnte sagen:

Covid war nicht immer der Ursprung der Dysbalance.
In vielen Fällen war es der Tropfen, der das System zum Kippen gebracht hat.

Und genau hier entsteht ein kritischer Punkt in der Anwendung bioenergetischer Interventionen.

Wenn ein System sich bereits am Rand seiner Verarbeitungskapazität befindet,
kann ein zusätzlicher Reiz – selbst wenn er grundsätzlich sinnvoll ist –
nicht mehr als Trainingsimpuls wirken.

Sondern als weiterer Tropfen.

In diesem Kontext kann auch eine Intervention wie IHHT,
die unter passenden Voraussetzungen adaptiv wirkt,
subjektiv als Überforderung erlebt werden
oder bestehende Symptome sogar verstärken.

Nicht, weil die Methode falsch ist.
Sondern weil das System nicht mehr in der Lage ist, diesen Reiz zu integrieren.

Belastung ohne Integration

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, was passiert,
wenn ein Reiz die aktuelle Verarbeitungskapazität übersteigt.

Er wird nicht „stärker verarbeitet“.
Er wird anders verarbeitet.

Statt zu einer geordneten Anpassung zu führen,
entsteht häufig eine Form von unspezifischer Belastung.

Das System reagiert – aber nicht im Sinne von Entwicklung,
sondern im Sinne von Sicherung.

Regulationsprozesse werden ungenauer.
Kompensationsmechanismen treten stärker in den Vordergrund.
Die eigentliche Anpassungsleistung bleibt aus.

Man könnte auch sagen:

Ein überdosierter Reiz ist kein stärkerer Trainingsimpuls.
Er ist ein Störsignal.

So wie zu viel Lärm ein Gespräch nicht intensiver macht,
sondern unverständlich.

Warum Intensivierung oft plausibel erscheint

In der praktischen Anwendung ist dieser Punkt nicht immer leicht zu erkennen.

Denn Reaktion wird häufig als Zeichen von Wirkung interpretiert.

Ein stärkerer Reiz führt oft zu einer intensiveren Wahrnehmung.
Zu mehr Aktivität, mehr Empfindung, manchmal auch zu kurzfristigen Veränderungen.

Diese Reaktionen können leicht als Fortschritt gedeutet werden.

Tatsächlich sagen sie zunächst nur aus,
dass ein System reagiert – nicht, dass es sich sinnvoll anpasst.

Gerade in dysregulierten Zuständen kann eine Intensivierung dazu führen,
dass die Reaktion zunimmt, während die Anpassungsfähigkeit weiter abnimmt.

Das ist vergleichbar mit dem Versuch,
ein bereits überhitztes System weiter zu beschleunigen.

Es fehlt nicht an Energiezufuhr.
Es fehlt an Stabilität und Steuerung.

Die Rolle der Regulation als begrenzender Faktor

Damit verschiebt sich der entscheidende Fokus.

Nicht die maximale Intensität eines Reizes ist ausschlaggebend,
sondern die Frage, ob ein System in der Lage ist, diesen Reiz zu integrieren.

Regulation wird damit zum limitierenden Faktor.

Ein gut reguliertes System kann auch mit stärkeren Reizen umgehen,
weil es über die notwendige Flexibilität verfügt, diese zu verarbeiten.

Ein instabiles System hingegen reagiert oft bereits auf moderate Reize mit Überforderung oder Inkonsistenz.

In diesem Kontext führt eine weitere Steigerung nicht zu mehr Wirkung,
sondern zu einer Verstärkung der bestehenden Dysbalance.

Was das für die Anwendung bedeutet

Bioenergetische Interventionen entfalten ihre Wirkung nicht über maximale Intensität,
sondern über eine präzise Abstimmung zwischen Reiz und Systemzustand.

Die zentrale Frage lautet nicht:

Wie stark kann ein Reiz gesetzt werden?

Sondern:

Welche Reizqualität und -dosierung kann dieses System aktuell sinnvoll verarbeiten?

Und genau diese Frage entscheidet darüber,
ob ein Reiz Entwicklung ermöglicht –
oder bestehende Dysbalancen weiter verstärkt.

Wenn du diese Zusammenhänge vertiefen möchtest

– also verstehen willst, wie bioenergetische Interventionen nicht nur eingesetzt, sondern sinnvoll eingeordnet werden –

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Für die Umsetzung in der Praxis

Ich begleite aktuell wieder ausgewählte Praxen, Kliniken sowie Einzelpersonen im 1:1 oder in kleinen Gruppen dabei, genau diese Zusammenhänge in die Anwendung zu übersetzen.

Im Mittelpunkt steht die Fähigkeit,
Regulationszustände differenziert zu erkennen
und Interventionen entsprechend vorzubereiten und anzupassen.

marion@massafra-schneider.de
→ oder unter: www.massafra-schneider.de

Und genau an dieser Stelle entsteht eine weitere, oft noch entscheidendere Frage:

Selbst wenn ein Reiz grundsätzlich passend gewählt ist –
kann ein System ihn in jedem Zustand überhaupt verarbeiten?

Warum der aktuelle Zustand eines Systems darüber entscheidet, ob eine Reaktion überhaupt möglich ist,
und welche Rolle dabei die Dynamik zwischen Aktivierung und Erholung spielt,
schauen wir uns im nächsten Beitrag genauer an.

Marion Massafra-Schneider

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