Warum IHHT – Intervall-Hypoxie-Training – kein Doping ist – aber ein Reiz, der dieselben Systeme adressiert.
Die Frage ist berechtigt – und sie taucht nicht nur im Leistungssport auf, sondern auch im medizinischen Kontext:
Wenn Hypoxietraining Anpassungsprozesse auslösen kann, die leistungssteigernd wirken – warum gilt es dann nicht als Doping?
Um diese Frage sauber zu beantworten, muss man sich von einer vereinfachten Denkweise lösen.
Denn im Sport entscheidet nicht allein der Effekt darüber, ob etwas als Doping gilt – sondern der Weg, über den dieser Effekt zustande kommt.
Der entscheidende Unterschied: Anpassung statt Manipulation
Klassische Dopingmethoden zielen darauf ab, physiologische Parameter direkt zu verändern.
Ein bekanntes Beispiel ist Erythropoetin, das gezielt die Bildung roter Blutkörperchen stimuliert und damit die Sauerstofftransportkapazität erhöht.
Hypoxietraining hingegen funktioniert grundlegend anders.
Hier wird dem Körper kein Ergebnis vorgegeben.
Es wird ein Reiz gesetzt – ein temporärer Sauerstoffmangel –, auf den der Organismus reagieren muss.
Diese Reaktion ist:
- abhängig von der individuellen Physiologie
- nicht garantiert
- und vor allem nicht vollständig steuerbar
Genau darin liegt der zentrale Unterschied zwischen Training und Doping.
Rechtliche Einordnung: Warum Hypoxietraining erlaubt ist
Sowohl die World Anti-Doping Agency als auch die Nationale Anti Doping Agentur Deutschland führen Hypoxietraining nicht auf der Verbotsliste.
Das umfasst:
- Höhentraining
- Hypoxiezelte
- Intervall-Hypoxie-Training (IHT)
- Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Training (IHHT)
Die WADA bewertet Methoden anhand von drei Kriterien:
- Leistungssteigerung
- Gesundheitsgefährdung
- Verstoß gegen den „Spirit of Sport“
Ein Verbot erfolgt nur, wenn mindestens zwei dieser Kriterien erfüllt sind.
Hypoxietraining erfüllt zwar das Kriterium der Leistungsrelevanz,
gilt jedoch bei sachgemäßer Anwendung weder als inhärent gesundheitsschädlich noch als unvereinbar mit dem sportlichen Ethos.
Warum die Diskussion überhaupt entstanden ist
Die Einordnung war keineswegs selbstverständlich.
Mitte der 2000er Jahre wurde insbesondere die Nutzung von Hypoxiezelten intensiv diskutiert.
Die zentrale Frage lautete:
Ist künstlich erzeugte Hypoxie noch Training – oder bereits eine Form der Leistungsmanipulation?
Die Entscheidung fiel letztlich gegen ein Verbot,
weil die physiologische Anpassung weiterhin über körpereigene Regulationsmechanismen erfolgt.
Diese Argumentation ist bis heute gültig.
Was im Körper tatsächlich passiert: Die evidenzbasierte Perspektive
Unter hypoxischen Bedingungen kommt es zur Stabilisierung des Transkriptionsfaktors HIF-1α.
Dieser spielt eine zentrale Rolle in der zellulären Anpassung an Sauerstoffmangel.
In der Folge werden verschiedene Prozesse aktiviert, darunter:
- die Stimulation der körpereigenen Erythropoietin-Produktion
- Anpassungen in der mitochondrialen Funktion
- Veränderungen der Gefäßstruktur und Mikrozirkulation
Studien zeigen, dass bereits kurze intermittierende Hypoxieexpositionen zu messbaren EPO-Anstiegen führen können (vgl. Czuba et al., 2021; Wehrlin & Hallén, 2006).
Gleichzeitig ist entscheidend:
Ein Anstieg von EPO bedeutet nicht automatisch eine nachhaltige Erhöhung der Hämoglobinmasse oder der Leistungsfähigkeit.
Mehrere Untersuchungen zeigen, dass:
- EPO-Anstiege transient bleiben können
- keine signifikante Zunahme der Erythrozyten erfolgt
- die Effekte stark interindividuell variieren
(vgl. Siebenmann et al., 2017; Millet et al., 2010)
Die Parallele zum Doping – und warum sie begrenzt ist
Auf den ersten Blick scheint die Parallele offensichtlich:
Sowohl Doping als auch Hypoxietraining zielen darauf ab, die Sauerstoffverfügbarkeit zu verbessern.
Der Unterschied liegt jedoch in der Steuerbarkeit.
Während Dopingmethoden ein Ergebnis direkt erzeugen,
aktiviert Hypoxietraining lediglich einen biologischen Regelkreis.
Ob – und in welchem Ausmaß – daraus eine Leistungsanpassung entsteht,
hängt vollständig vom Organismus selbst ab.
Diese fehlende Determinierbarkeit ist einer der Gründe,
warum Hypoxietraining nicht als Doping eingestuft wird.
Leistungsparameter: Was Studien tatsächlich zeigen
Die Datenlage zur Leistungsentwicklung ist differenziert.
Meta-Analysen zeigen, dass Hypoxietraining unter bestimmten Bedingungen:
- die maximale Sauerstoffaufnahme (VO₂max) verbessern kann
- die Ausdauerleistung positiv beeinflussen kann
(vgl. Bonetti & Hopkins, 2009; Millet et al., 2010)
Gleichzeitig zeigen die gleichen Analysen:
- Effekte sind stark protokollabhängig
- nicht alle Athleten profitieren
- Unterschiede zwischen Methoden sind erheblich
Damit ist Hypoxietraining kein universell wirksames Tool,
sondern ein kontextabhängiger Trainingsreiz.
IHHT: Erweiterung oder Weiterentwicklung?
Das Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Training (IHHT) kombiniert hypoxische und hyperoxische Phasen.
Die zugrunde liegende Hypothese:
Der Wechsel könnte adaptive Prozesse verstärken und die Effizienz der Reizverarbeitung erhöhen.
Erste Studien und Reviews deuten auf potenzielle Vorteile hin, insbesondere im Bereich:
- mitochondrialer Funktion
- metabolischer Anpassung
- Regeneration
(vgl. Serebrovska et al., 2019)
Allerdings ist die Evidenzbasis im Vergleich zum klassischen Höhentraining noch begrenzt.
Eine klare Überlegenheit von IHHT lässt sich aktuell wissenschaftlich nicht belegen –
wohl aber eine plausible und zunehmend untersuchte Wirklogik.
Praktische Konsequenzen für den Leistungssport
Aus wissenschaftlicher und praktischer Sicht ergeben sich mehrere zentrale Punkte:
1. Individualisierung ist entscheidend
Nicht jeder Athlet reagiert gleich auf hypoxische Reize.
2. Eisenstatus spielt eine zentrale Rolle
Ein niedriger Ferritinwert kann die Erythropoese limitieren – unabhängig vom Trainingsreiz.
3. Dosierung ist kritischer als Intensität
Zu starke Reize können Anpassung verhindern oder sogar kontraproduktiv wirken.
4. Integration statt Isolation
Hypoxietraining entfaltet seine Wirkung nur sinnvoll eingebettet in eine Gesamttrainingsstrategie.
Wo heute die Grenze verläuft
Aktuelle Entwicklungen im Anti-Doping-Bereich zeigen klar, wo regulatorisch unterschieden wird:
Nicht der Effekt ist entscheidend –
sondern ob dieser über natürliche Anpassung oder direkte Manipulation entsteht.
Methoden, die den Sauerstofftransport ohne Anpassungsprozess beeinflussen,
werden zunehmend kritisch bewertet oder verboten.
Hypoxietraining hingegen bleibt im Bereich der erlaubten Trainingsmethoden,
weil es den Körper nicht ersetzt, sondern fordert.
Fazit
Hypoxietraining – und insbesondere IHHT – bewegt sich an einer physiologisch hochinteressanten Schnittstelle.
Es aktiviert Prozesse, die auch im Kontext von Doping eine Rolle spielen,
überlässt deren Ausprägung jedoch vollständig der körpereigenen Regulation.
Damit bleibt es das, was es im Kern ist:
Ein Trainingsreiz.
Nicht mehr – aber auch nicht weniger.
Und genau darin liegt seine Bedeutung für den modernen Leistungssport.
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Marion Massafra-Schneider
Quellen (PubMed-basierte Auswahl)
- Czuba M. et al. (2021). Intermittent hypoxic training and erythropoietin response.
- Wehrlin J.P., Hallén J. (2006). Linear increase in hemoglobin mass with altitude exposure.
- Siebenmann C. et al. (2017). No increase in total hemoglobin mass after short-term intermittent hypoxia.
- Millet G.P. et al. (2010). Hypoxic training and team sports: a review.
- Bonetti D.L., Hopkins W.G. (2009). Sea-level exercise performance following adaptation to hypoxia.
- Serebrovska T.V. et al. (2019). Intermittent hypoxia-hyperoxia therapy: mechanisms and applications.


